Hedwig Thun: Eine Wiederentdeckung
10.4.–4.9.2022

Künstlerin am Bauhaus, Schriftstellerin und herausragende Malerin des Informel

Über Jahrzehnte lagerte das Werk der Detmolder Künstlerin Hedwig Thun (1892–1969) fast vergessen in einem Keller in der Oberpfalz. Über 80 erhaltene Gemälde, neu gefundene Dokumente, Zeichnungen und Aquarelle, Gedichte und Fotos lassen das Leben einer einzigartigen Künstlerin aufscheinen, die u. a. bei Kandinsky studierte und zu einer herausragenden Vertreterin des gestischen Informel wurde.

Deutlich ist der Einfluss des Bauhauses auf die Künstlerin, die in den 1930er-Jahren in Hamburg, Dresden und im Museum of Modern Art, New York, ausstellte. Im Nationalsozialismus endet ihre Karriere abrupt. Als sie in den 1940er Jahren neu ansetzt, wird ihre Malerei großformatig, gestisch, pastos und mit den Drippings höchst aktuell, sodass ihr Werk in zahlreichen Ausstellungen gewürdigt wird. Doch mit ihrem Tod endet auch ihre zweite Beinahe-Karriere – bis aus dem Nachlass ein Schatz gehoben wird.

Ihr Werk als das »einer großen Unbekannten« nach über fünfzig Jahren vollständigen Vergessens im Rahmen der Ausstellung »Gustav Vriesen und die Entdeckung der Moderne in Bielefeld« wieder zu entdecken und in großer Vollständigkeit präsentieren zu können, verdankt sich sowohl kunsthistorischem Spürsinn als auch glücklichen Umständen. So konnte Prof. Dr. Christoph Wagner, Inhaber des Lehrstuhls für Kunstgeschichte an der Universität Regensburg, die ihm aus dem Nachlass übergebenen sogenannten Gästebücher Hedwig Thuns für die Forschung sichern und am Institut digitalisieren lassen. Dass in einem dieser Klebealben ein Brief des Bielefelder Museumsdirektors und Kurators Gustav Vriesen eingeklebt ist, versehen mit einem handschriftlichen Eintrag über dessen plötzlichen Tod, gibt uns den Hinweis auf ein mögliches gemeinsames Ausstellungsprojekt, das nicht mehr zustande kam.

Eine Recherchereise zum Nachlass der Künstlerin förderte schließlich den Kellerfund zutage, der nun im Rahmen der Ausstellung zu Gustav Vriesen erstmals vorgestellt wird: Grund genug, dem Katalog einen »Zwillingsband« zur Seite zu stellen, der den Recherchestand und das Gros des überlieferten Werks von Hedwig Thun vorstellt.

 

Katalog
Der Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Christiane Heuwinkel, Maja Jakubeit, Christoph Wagner, Ann-Catherine Weise erscheint im Hirmer Verlag. 96 Seiten, 80 Abbildungen in Farbe, ISBN 978-3-7774-3884-9, 19,90 €.

 

Abbildung: Hedwig Thun: Printemps I, 1955, Öl auf Leinwand, 200 × 150 cm, Privatbesitz, © Nachlass Hedwig Thun, © Foto: Ingo Bustorf