Wenzel Hablik: Kristallträume
Expressionismus, Architektur, Utopie
31.10.2021–6.3.2022

 

Eröffnung Samstag, 30.10.2021, 19 Uhr

 

Muss ich schon an der Erde kleben, dann wenigstens nicht mit dem Hirn.

Wenzel Hablik, 1907

 

Kristalline Architekturentwürfe, intergalaktische »Luftkolonien« und mechanische Flugkörper, aber auch Sternenhimmel, Berglandschaften und Möbelentwürfe: Das Gesamtkunstwerk des Expressionisten Wenzel Hablik ist überbordend in seiner Vielfalt – und noch viel zu wenig entdeckt.
Das Kunstforum Hermann Stenner in Bielefeld richtet dem Maler, Gestalter und Architekturvisionär eine große Retrospektive aus. Die großbürgerliche Wohnarchitektur der ehemaligen Villa Weber und die angeschlossenen Kabinette bieten den idealen Rahmen, um einen Künstler wiederzuentdecken, dessen Inspiration vom kleinsten Kristall ausging, um sich in den Weltraum zu erstrecken.

1881 im westböhmischen Brüx geboren, legt Hablik mit nur 14 Jahren in der väterlichen Werkstatt die Prüfung zum Tischlermeister ab. In Wien, Zentrum des Jugendstils und der »Wiener Werkstätten«, studiert er ab 1902 Malerei, Schriftgestaltung und Heraldik an der Kunstgewerbeschule und macht erste Erfahrungen als Zeichner von Stoffentwürfen für eine Möbelfabrik. Seit Beginn seines Studiums zeichnet Hablik Gruppen von selbstgesammelten Gesteinsproben und Kristallen, die sich in seiner Phantasie zu Märchenschlössern auf unzugänglichen Berghängen ausformen. Heute gehören sie zu den frühesten bekannten Entwürfen kristalliner Architektur in der europäischen Kunstgeschichte.

Als Student an der Kunstakademie Prag von 1905 bis 1907 kommt er mit dem Expressionismus in Berührung, der sich in Habliks pastosem Farbauftrag und einem gestischen Pinselschwung niederschlägt, sowie in einer von Vincent van Gogh und Edvard Munch inspirierten Motivik. Intensive Naturerlebnisse in Norditalien, der Schweiz und vor allem auf Sylt prägen seine Auseinandersetzung mit den Elementen.

Im Jahr 1907 lädt ihn ein Holzgroßhändler zu sich nach Itzehoe ein und wird ihm zum Lebensfreund und Mäzen. Itzehoe wird zu Habliks neuem Lebensort. Hier entwirft er extravagante Raumkonzepte für Privatwohnungen und Firmensitze in Norddeutschland, während er privat seine kristallinen Architekturutopien in Zeichnungen und großformatigen Gemälden vorantreibt. Das Erlebnis der Natur bleibt stets die bedeutendste Inspirationsquelle für sein Schaffen. In der selbstständigen Handweberin Elisabeth Lindemann findet er eine Ehefrau, mit der er kreativ zusammenarbeitet und die ihm mit ihrem erfolgreichen Unternehmen auch finanziell den Rücken stärkt. Habliks Rückzug in die Provinz wie auch sein früher Krebstod mit nur 52 Jahren ließen einen Künstler jahrzehntelang in Vergessenheit geraten, der bis zum Ende des Ersten Weltkriegs in Berlin im Zentrum der Avantgarde stand. Dies Schicksal ist wohl nur mit den Verwerfungen der Zeitgeschichte, wie dem Zweiten Weltkrieg, zu erklären, da der Künstler den Kontakt zur avancierten Kunstszene auch von Itzehoe aus hielt.

Erstmals ist der Künstler 1908 mit Gemälden und ersten Arbeiten aus seinem Zyklus »Schaffende Kräfte« in einer Ausstellung der Berliner Secession vertreten. Der führende Avantgarde-Galerist Herwarth Walden stellt 1912 in seiner »Sturm«-Galerie den gesamten Zyklus aus – neben Werken von Picasso, Kandinsky, Kokoschka und Gauguin. 1919 nimmt Hablik auf Einladung von Walter Gropius an der »Ausstellung für unbekannte Architekten« des Arbeitsrats für Kunst teil. Als Mitglied der Briefgemeinschaft »Die Gläserne Kette« ist der Künstler mit Architekten wie Walter Gropius, Bruno Taut, Hans Scharoun, Hans und Wassili Luckhardt in regem Austausch.

Realisiert werden von den tollkühnen Architekturentwürfen, die von frühen Science Fiction-Autoren, wie H. G. Wells, Paul Scheerbart und Jules Verne, inspiriert sind, keine. Wohl geht es Hablik weniger als seinen Mitstreitern der »Gläsernen Kette« um eine reale Berufsperspektive als Architekt, vielmehr um die Utopie, aus den Trümmern des Kaiserreichs und des verlorenen Weltkriegs moderne Kathedralen zu erbauen. In einer idealen Bauhütte sollten künstlerische und architektonische Fragen mit denen zur Lebensführung, zum technischen Fortschritt und zur Natur verbunden werden – eine farbgewaltige, verspielte Alternative zum pragmatischeren Bauhaus in Dessau – und eine visionäre Kraft, die wohl erst Architekten wie die Gruppe Archigram, Zaha Hadid und Daniel Libeskind in Gebäuden manifestierten.

Neben der Erfahrung der Elemente, denen er in großformatigen, expressiven Gemälden huldigt, ist es auch die osmanische Architektur und Kunst, die Hablik zeitlebens beflügelt, und die in seinen Kuppelentwürfen, aber auch seiner abstrakten Ornamentik der Innenraumgestaltungen, Tapeten, Wandteppichen, Möbel- und Kleiderstoffen aufscheint. Höhepunkt seines innenarchitektonischen Schaffens ist die Ausgestaltung seines privaten Esszimmers im Jahr 1923, das vor wenigen Jahren restauriert und im großen Saal des Kunstforums in Verbindung mit Hablikschem Originalmobiliar nachempfunden wird. Die fruchtbare Arbeitsgemeinschaft des Ehepaars Hablik-Lindemann wird ebenso wie die kunstgewerblichen Arbeiten vorgestellt, die die Motivik von Habliks utopischen Entwürfe aufgreifen, wie die »Saturndose«, eine Messingbonbonniere, oder ein Tintenfass in der Bildsprache seiner utopischen Bauten.

Die Ausstellung wird auf beiden Etagen in allen Räumen, Sälen wie auch Kabinetten, das Schaffen Wenzel Habliks mit über 100 Gemälden, Zeichnungen und Druckgraphiken, Designobjekten, Fotografien und Dokumenten vorstellen.

Die Ausstellung entsteht in enger Kooperation mit dem Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe.

 

Abbildung: Wenzel Hablik: Sternenhimmel (Detail), 1909, Öl auf Leinwand, 200 × 200 cm, Wenzel-Hablik-Museum, Itzehoe, © Foto: Wenzel-Hablik-Stiftung, Itzehoe